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Geschichte ein Gesicht geben

Den Besuch von Harry Lowenstein in Höxter gibt es jetzt als Film

Im Juni dieses Jahres besuchte Harry Lowenstein nach 70 Jahren erstmals wieder seine alte Heimat Höxter. Als Kind war er mit seiner Familie deportiert worden. Er überstand Konzentrationslager und den Todesmarsch nach Westen, emigrierte dann in die USA. Er war einer der wenigen jüdischen Überlebenden Höxters. Seine Rückkehr in die Heimat und seine Geschichte zeigt jetzt ein Film.

»Es war ein denkwürdiger und historischer Tag«, leitet Bürgermeister Alexander Fischer den Film ein, »deshalb war es sehr wichtig, den Besuch Lowensteins als Zeitzeugen des Holocausts festzuhalten.« Die Rückkehr des 87-Jährigen in seine Heimat und auch die Aufzeichnung dieser Ereignisse sei ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Gerade um die Vergangenheit und damit auch die vielen Erinnerungen aber auch die Grausamkeiten, die Lowenstein erfahren hat, zu zeigen, soll der Film allen zugänglich gemacht werden.

Auch die Schulen können davon profitieren, wenn eine reale Person ihre eigene Geschichte erzählt. »Für viele Schüler ist die Geschichte immer weit entfernt«, weiß auch der Bürgermeister. »Die Verbindung von Sprache und Gesicht ist wichtig. Das schafft eine intensivere Begegnung«, resümiert Hans Nicolas, stellvertretender Schulleiter des König-Wilhelm-Gymnasiums (KWG), nach dem Film. Denn Harry Lowenstein spricht in einigen Teilen des Films seine Muttersprache deutsch, in anderen englisch. »Das Englisch ist gut verständlich. Dadurch kann ich den Film auch im Fremdsprachen-Unterricht nutzen«, sagt Monika Krekeler, Schulleiterin der Hoffmann-von-Fallersleben-Realschule. Auch im Jacob-Pins-Forum und auf der Internetseite der Stadt Höxter wird der Film in Zukunft zu sehen sein.

Er zeigt Szenen aus dem Besuch Lowensteins, den er im Juni nach langem E-Mail-Kontakt mit Fritz Ostkämper, 1. Vorsitzender Jakob-Pins-Forum, mit seinen Töchtern angetreten hat; bei der Feierstunde in Höxter, beim Ortsrundgang durch seinen Geburtsort Fürstenau und seinen Zufluchtsort Bredenborn. Es ist eine Mischung aus Dokumentation und Emotionalität, die Christian Höke und Madeline Sprock aufgenommen haben. »Aus einer einfachen Aufgabe, dem Mitschnitt von einigen Reden beim Festakt, hat sich ein spannender Prozess entwickelt«, sagt Sprock dazu. Erst im Schnitt sei den beiden klar geworden, was sie in den Händen halten: »Ein Stück Zeitgeschichte. Diese Situation, der Besuch des letzten überlebenden Juden in seiner Heimat Höxter, wird es so nie wieder geben«, stellt sie heraus.

Harry Lowenstein, früher Helmut Löwenstein, ist in Fürstenau als Sohn eines jüdischen Viehhändlers geboren worden. In der Pogromnacht stürmten SA-Trupps das Haus der Familie. Sie nahmen alles mit, was von Wert war und David Löwenstein wurde in das Konzentrationslager (KZ) Buchenwald deportiert. Vier Wochen später entließ man ihn dort. In der Zwischenzeit kümmerte sich Harry Lowenstein um das Vieh.

Ab 1939 durften er und seine Schwester Kläre die Schule nicht mehr besuchen. Im Dezember 1941 wurde die Familie in das Ghetto nach Riga deportiert. Nach dem KZ Kaiserwald kam Harry Lowenstein über Danzig in das KZ Stutthof. Nach der Auflösung durch die sowjetische Armee wurde er mit einer Häftlingskolonne auf den Todesmarsch nach Westen geschickt und gelangte endlich wieder nach Fürstenau. 1949 wanderte Harry Lowenstein über Frankreich in die USA aus, wo er heute in Kissimmee (Florida) lebt.

Text und Foto: Sarah Schünemann - Westfalen-Blatt vom 21.08.2018