„150 Jahre KWG – Zukunft braucht Geschichte“

Unter dem Motto „150 Jahre KWG – Zukunft braucht Geschichte“ durfte das König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter 2017 ein besonderes Jubiläum feiern. In den letzten eineinhalb Jahrhunderten ist diese Schule zu einem festen Bestandteil des Höxteraner Bildungs- und Kulturwesens geworden und sie möchte auch in Zukunft sowohl viele junge Menschen für Bildung und Wissen begeistern als auch das kulturelle Leben in der Stadt mit Ausstellungen, Konzerten usw. bereichern.

Dass dieses Jubiläum einmal gefeiert werden könnte, wagten in der doch schwierigen Gründungsphase sicher wenige Zeitgenossen zu träumen. Nach jahrzehntelangen Streitigkeiten zwischen der protestantischen und der katholischen Seite, die eine schon frühere Gründung eines (Pro-)Gymnasiums verhinderte, kam es am 12./13. März 1867 doch zur offiziellen Eröffnung einer höheren Lehranstalt in Höxter. Mit der feierlichen Einführung des Rektors Petri begann am 13. März der Unterricht für 76 Schüler in fünf Klassen. Doch dieses freudige Ereignis war nicht das Produkt einer ökumenischen Zusammenarbeit, sondern ein Durchsetzen der protestantischen Fraktion im Magistrat und des Bürgermeisters. Somit trug die Schule zu Beginn eher zu einer weiteren konfessionellen Spaltung in der Stadt bei, anstatt durch eine humanistische Bildung Menschen zu verbinden, denn die ersten Schüler waren ausschließlich protestantisch oder jüdisch. Als städtisches Progymnasium (ohne gymnasiale Oberstufe) gegründet, bekam es schon bald seinen bis heute gültigen Namen: König-Wilhelms-Progymnasium. Gut zwei Jahre nach seiner Gründung zog die Schule in ihr erstes eigenes Gebäude am Marktplatz ein, das neugebaute Dogerlohsche Haus. Somit war die Schule im Herzen der Stadt angekommen. Auf Betreiben des Schulleiters Petri und durch Unterstützung der Stadt Höxter als Schulträger konnte 1872 ein weiterer Erfolg gefeiert werden: das Progymnasium wurde zu einem Vollgymnasium ausgebaut, was dazu führte, dass Ostern 1875 die ersten drei Abiturienten am KWG ihr Abschlusszeugnis entgegen nehmen durften.

Die folgenden Jahrzehnte waren von einem rasanten Anwachsen der Schülerzahlen geprägt, so dass die Raumnot ein ständiger Begleiter des Schulalltags wurde. Da eine räumliche Erweiterung im Marktbereich schwierig bis unmöglich war und der Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts die finanziellen Mittel für einen Neubau fehlten, ermöglichte der Fabrikant Dr. Wilhelm Haarmann einen Schulneubau samt Rektoratshaus in der Bismarck- bzw. Moltkestraße auf eigene Kosten. Durch diese mehr als großzügige Spende konnte das neue Schulgebäude mit einem großen Festakt am 12. September 1912 feierlich eröffnet werden.

Doch die Freude über die neuen Räumlichkeiten währte nicht lange, da zwei Jahre später der Erste Weltkrieg ausbrach und auch das KWG nicht verschonte. Sechs Lehrer und 160 (ehemalige) Schüler ließen in dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ ihr Leben für „Gott, Kaiser und Vaterland“.

Der Krieg und sein Ausgang veränderten nicht nur Deutschland, sondern führten auch an der Schule zu tiefgreifenden Veränderungen. So wurde 1922 die erste Schülerin am KWG aufgenommen. Annaliese Ries durfte nicht ganz ohne Widerstand diese bis dahin rein männliche Bildungseinrichtung für drei Jahre in der Oberstufe besuchen. Allen zeitgenössischen Zweiflern zum Trotz, ob gymnasiale Bildung Mädchen nicht eher schade, anstatt zu nützen, legte sie 1925 das bis dahin beste Abitur ab (in allen Fächern ausschließlich sehr gute Leistungen!). Dass dieses Beispiel eine Ausnahme blieb, zeigt der Umstand, dass 1929 erst fünf Mädchen die Oberstufe besuchten. Nicht nur das Phänomen „Schülerin“ sorgte für eine neue Schülerzusammensetzung. Auch die stetig wachsende Anzahl an katholischen Schülern ist ein Beleg für die Überwindung der ursprünglich konfessionellen Spaltung.

Wie nah Freud und Leid beieinander liegen (siehe neues Schulgebäude und Erster Weltkrieg), zeigte sich in den folgenden Jahren. Die sogenannte „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und die schnelle Etablierung der Diktatur Adolf Hitlers führten auch am KWG erneut zu tiefgreifenden Veränderungen. Die Vermittlung der NS-Ideologie in allen Schulfächern und die zunehmende Ausgrenzung der jüdischen Schüler aus dem Schulalltag lassen sich auch am Gymnasium der Stadt Höxter beobachten. Doch nicht nur Unterrichtsstoff und die Schülerschaft haben sich in dieser Zeit massiv geändert. Auch die Umbenennung des KWG (nun „Städtische König-Wilhelm-Oberschule“ bzw. „Städtische König-Wilhelm-Schule. Oberschule für Jungen“) und die Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre sollten das neue Bildungsideal des Nationalsozialismus zum Ausdruck bringen. Der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 und seine Folgen kann sicher als das dunkelste Kapitel der Schulgeschichte angesehen werden. So sind neben 280 (ehemalige) Schüler, die in diesem Krieg sinnlos ihr Leben als Soldaten verloren, auch     ehemalige jüdische Schüler zu beklagen, die ihr Leben aufgrund einer menschenverachtenden Ideologie lassen mussten. Diejenigen Schüler, die in dieser Zeit zur Schule gingen, erlebten den Kriegsalltag v.a. durch Unterrichtskürzungen bzw. –ausfall, durch Einsätze bei Sammelaktionen bzw. bei der Ernte. Ab 1943 kam für ältere Schüler auch ein Einsatz als Flakhelfer hinzu, sowie bei der Betreuung von Kindern aus der „Kinderlandverschickung“. An einen geregelten Schulalltag war v.a. bei Kriegsende nicht mehr zu denken, obwohl seitens der Schule alles Erdenkliche getan wurde, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Um dem Unterrichtsaufall durch eingezogene Lehrer entgegenzuwirken, kam es 1939 zu einer personellen Revolution: mit Frau Anna Weber unterrichtete von nun an die erste Lehrerin am KWG. Weitere sollten in den nächsten Monaten folgen.

Nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 wurde der Schulbetrieb erst am 12. Januar 1946 wieder aufgenommen. Das KWG versuchte sich unter den neuen Rahmenbedingungen schnell einzuleben und so führten die neuen Bildungsvorgaben der Alliierten und später der BRD zu zahlreichen Neuerungen an der Schule. Neben dem altsprachlichen wurde nun auch ein neusprachlicher Bildungsgang eingerichtet. Ab Ostern 1952 durften auch Mädchen ab der Sexta (Klasse 5) das KWG besuchen. Dies führte zu einem sprunghaften Anstieg der Schülerzahlen und damit zum altbekannten Problem der Raumnot, das mit einem Erweiterungsbau 1960 versucht wurde zu beheben. Am 21. September 1967 feierte die Schule ihr 100-jähriges Bestehen mit einem Festakt im Residenztheater. Es sollte die letzte große Feier im alten Schulgebäude werden. Denn das stetige Anwachsen der Schülerschaft ließ den damaligen Schulleiter, Fritz Bürmann, zu einem unermüdlichen Verfechter eines neuen Schulgebäudes werden, dass schon am 22. Oktober 1973 eingeweiht werden konnte. Doch ähnlich dem neuen Berliner Flughafen, war das Schulgebäude schon zu klein geplant worden. Ging man von durchschnittlich ca. 800 Schülerinnen und Schülern aus, erlebte das KWG 1981 mit 1379 Schülerinnen und Schülern und mehr als 150 Abiturientinnen und Abiturienten seinen personellen Höchststand. Provisorische Containereinrichtungen sollten die Raumnot bekämpfen, die erst 1997 durch einen Erweiterungsbau, dem sog. B-Gebäude, abgelöst wurden.

Nicht nur räumlich hat das KWG sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Auch zahlreiche Schulpartnerschaften im In- und Ausland (z.B. Arras oder Warschau) haben zur Verinnerlichung des europäischen Gedanken bei den Schülerinnen und Schülern beigetragen. Neue Fächer (z.B. Informatik oder Spanisch) haben in den Fächerkanon Einzug gehalten und tragen den sich stetig veränderten Anforderungen in Studium, Ausbildung und Beruf Rechnung. 

Die letzten 150 Jahre waren eine Reise mit vielen Höhen, aber auch Tiefen. Das KWG war und ist Teil der wechselvollen Geschichte Deutschlands. Diesem Erbe ist sich die Schule bewusst. Sie hat das 150-jährige Jubiläum genutzt, um mit unterschiedlichen Veranstaltungen, wie dem Festakt am 12. März, einem großen Ehemaligen-Treffen im Mai, einem Schulfest im Juli oder einem Schulball am 11. November 2017 zu feiern. Sie hat aber auch ihren sozialen Auftrag nicht vergessen. So konnten mit einem Sponsorenlauf annähernd 20 000 € für ein Straßenkinder-Projekt in Indien gesammelt werden. Schülerinnen und Schüler haben sich bei all der Freude über das lange Bestehen der Schule auch im Jubiläumsjahr mit der dunklen Seite des KWG beschäftigt und das Schicksal der ehemaligen jüdischen Schüler beleuchtet. Einige waren auch 2017 wieder in Auschwitz und haben erfahren, dass Demokratie und Rechtstaatlichkeit nicht selbstverständlich waren und sind. Somit freut sich die Schule auf die nächsten 150 Jahre, in der Hoffnung, dass sie friedlich und demokratisch bleiben mögen.

Text: Christoph Heger