Abi 1957

Abi 1957

Vordere Reihe: Werner Eichholz(†), Dr. Luis(†), Reinhold Perl, Hans Caspar, Richard Grosse-Katthöfer. 2. Reihe: Hartmut Dreier, Karl-Georg Mix (verdeckt), Hubertus Maßman, Heiner Waldeyer, Martin Sagebiel, Dieter Adler (verdeckt), Klaus Hermann. hinten: Klaus Blase (†), Klaus v. Menges, Wilfried Köhler (†) (verdeckt), Gerhard Schmidt, Christian Bloch (verdeckt), Friedrich v. Schierstädt, Wilfried Ruske(†), Volker Schmidtchen, Günter Freise, Manfred Fehr.

 

Die Abturienten des Jahrgangs 1957 unmittelbar nach der Entlassungsfeier am 22. März, die Zeugnisse tragen das Datum 19. März, Abi-Prüfungen sind am 18./19. 3. 57 gewesen. Die Namen unter dem doc-Bild sind z. T. nur nach besten Wissen „geraten“, wenn die Leute total verdeckt sind, bei den Verstorbenen habe ich „(†)“ eingefügt, ob Dr. Luis wirklich verstorben ist, wissen Klaus von Menges und ich nicht mit Sicherheit. Unser „goldenes Abi-Jubiläum“ haben wir vom 16. – 18. 3. 2007 in Höxter gefeiert.

 

Unser 50-jähriges Abitur-Treffen im März 2007 war langfristig vorbereitet. Für den Artikel im nächsten Omnibus war ein Redaktionskomitee rechtzeitig beauftragt worden. Jedoch: Wie es bei Pensionären so geht – es kam kein Artikel zu Stande. Die Gründe für diesen Mangel an Effizienz sind nicht mehr auffindbar. Auf Bitten von Frau S. Weber habe ich mich dann bereit erklärt, einige Gedanken zu unserer Schulzeit aufzuschreiben.
Unser Treffen im vergangenen Jahr führte eigentlich fast Fremde wieder zusammen. Nach der Abiturfeier und dem damals üblichen Zug auf einem Wagen von der alten Schule in der Moltke- Straße zum Felsenkeller war unsere Klasse ziemlich schnell auseinandergelaufen.
Das hatte viele Ursachen: Zum einen waren etwa 85 Prozent der Familien unseres Jahrgangs nicht in Höxter oder der näheren Umgebung ansässig. Viele von uns waren Flüchtlinge aus dem Osten oder aus den Großstädten des Ruhrgebiets und unsere Eltern zogen so bald wie möglich wieder an Orte, wo sie Arbeit fanden.
Zum anderen lag unser Auseinanderdriften auch daran, dass sich uns, den frisch gebackenen Abiturienten, 1957 eine bis dahin ungeahnte Bewegungsfreiheit auftat. Diese wollten wir auskosten.
Unsere Generation hatte Krieg und Nachkriegszeit noch ganz bewusst erlebt. Plötzlich bekamen wir – als Folge des Aufschwungs in der alten Bundesrepublik und der Integration zum Westen – Reisepässe und Visa, zuerst nur für das europäische Ausland, später auch für Übersee. Bezugsscheine, Reisekontrollen und Devisenzuteilungen fielen schrittweise weg. Die deutschen und vor allem auch die ausländischen Universitäten öffneten sich für einen großen Andrang lernbegieriger, junger, vom bisherigen Leben in der Armut der Nachkriegszeit nicht verwöhnter Deutscher.
So sind wir uns – mit Ausnahme einiger persönlicher Freundschaften – im Klassenverband seit 1957 selten begegnet. Zwar gab es mehrere Treffen, so u.a. zum 25 jährigen Abitur (1982 ) jedoch mit relativ geringer Beteiligung.
Im Jahre 2007 stellte sich vieles anders dar: Wir waren inzwischen fast alle Pensionäre und hatten Zeit. Zudem waren wir im Laufe der Jahre alle etwas nachdenklicher geworden.
Mir ist eigentlich erst nach unserem anderthalb tägigen Treffen 2007 bewusst geworden, dass wir von Anfang bis Ende alle zusammen mehr als je geredet, nachgedacht, die Vergangenheit analysiert und uns unter einander in gewisser Weise neu bekannt gemacht haben.
Unsere Gespräche kreisten dabei jetzt bewusst zum ersten mal um die Nachkriegszeit, unsere Schulzeit und vieles, was damals einfach nicht ausgesprochen wurde. Plötzlich erzählten wir uns, welcher Lehrer wohl besonders aktiv im Nationalsozialismus gewesen war, welcher verfolgt worden war und wie die jeweiligen Eltern dazu gestanden hatten. Besonders die Nutznießer und die Unterdrückten aus der Zeit bis 1945 wurden plötzlich benannt. Solche Gespräche hatten wir in unserer gemeinsamen Schulzeit immer vermieden. Die jüngste Vergangenheit war damals in Gesprächen unter Gleichaltrigen ein Tabu.
Das galt auch für den Unterrichtsstoff: Der Geschichtsunterricht streifte zu unserer Zeit gerade noch den ersten Weltkrieg. Der Versailler Friedensvertrag wurde nur noch erwähnt. Rückte der Lernstoff in die Nähe von 1933 so war meistens gerade das Schuljahr zu Ende und im nächsten Jahr gab es einen anders aufgebauten Lehrplan.
Ähnlich verhielt es sich in Geographie. Die deutschen Grenzen zu den Nachbarstaaten wurden nur bis 1914 erläutert. Eine echte Behandlung von politischen oder sozialen Themen im tatsächlichen Unterricht gab es damals nicht. Ob diese Inhalte in den Lehrplänen der Schulbehörde überhaupt vorgesehen waren, weiß ich natürlich nicht.
Auch zu Hause wurde über die Zeit des Nationalsozialismus wenig oder gar nicht gesprochen. Das lag auch daran, dass viele Mitschüler auf Grund der Kriegsereignisse kein komplettes Zuhause mehr hatten. Oft war unsere Elterngeneration in der Nachkriegszeit auch zu sehr mit dem Überwinden der alltäglichen Not beschäftigt.
Persönlich habe ich Glück gehabt. Ich habe zwar alle Nöte des Krieges, den Zusammenbruch des deutschen Reiches, dieFlucht 1944/45 aus Ostpreußen nach Westfalen und den Wiederanfang sehr bewusst – wenn auch als damals Achtjähriger – erlebt. Ich hatte aber in der späteren Schulzeit zu Hause die Möglichkeit, von Vater, Mutter und Großeltern Fakten und Zusammenhänge zu erfragen. Gerne sprachen diese aber auch nicht über die Vergangenheit. Ich musste insistieren und immer wieder neue Gründe für Gespräche finden. Nahe stehende Personen, Freunde, Lehrer und Bekannte wurden auch in Gesprächen innerhalb der Familie bei der Beurteilung der – Kriegszeit – möglichst ausgespart.
Nachträglich stellt sich die Frage: War es richtig, dass die meisten unserer Generation über die Zeit zwischen 1933 und 1945 von unseren Erziehern so in Unwissenheit gehalten wurden ?
Ich will darauf aus persönlicher Sicht zwei Antworten wagen.
Erstens: Wenn die Eltern sich nicht in der Lage sehen, ihre Kinder über diese Zeit aufzuklären, wie kann man es dann von den Lehrern erwarten.
Zweitens: Fast alle Eltern, Großeltern und Lehrer hatten in den fünfziger Jahre noch unverdaute, persönliche Belastungen zu überwinden, die einer Erklärung im Wege standen.
Man sollte nachträglich versuchen, diese Generation aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Auch wenn diese Zeit heute ganz anders beurteilt wird.
Ich kann mich bei unseren damaligen Lehrern – und das war auch weitgehender Konsens bei unserem Abiturtreffen – an keinen Fall von bewusster Agitation oder auch nur Vorsatz zu falscher Unterrichtung über die Vergangenheit erinnern.
Zwischenzeitlich ist die 68er Generation sehr hart mit Eltern, Lehrern und Hochschullehren über die Bewältigung der NS-Zeit ins Gericht gegangen. Dadurch ist viel Positives in Bewegung gekommen.
Aber: Die 68er-Generation ist 10-15 Jahre jünger als wir. Sie hat das Grauen der Bombennächte, den Krieg, die Flucht und die Not der Nachkriegszeit nicht erlebt. Sie hat unbeschwerter, aber manchmal auch zu unbedacht, geurteilt.
Persönlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich unseren Lehrern am alten KWG dankbar bin und dieses auch aussprechen möchte. Wir haben unter den damaligen Voraussetzungen eine adäquate Ausbildung erhalten. Trotz aller Fehlstellen im Wissen wurden wir gut auf unsere nächsten Lebensschritte vorbereitet. Was uns an Kenntnissen fehlte, konnte sich jeder der wollte selbst erarbeiten.
Nach der Schulzeit eröffneten sich uns nahezu unbegrenzte Möglichkeiten des Reisens, Lernens, kritisch Vergleichens und des Aufbaus eines internationalen Freundeskreises. Diese Chance hatte die Generation vor uns, also auch unsere Eltern und Lehrer, in den meisten Fällen nicht.
Die Voraussetzungen für Abiturienten der heutigen Zeit sind vollkommen anders, als sie für uns waren. Diese Generation weiß wesentlich besser um ihre Möglichkeiten und Chancen als wir 1957. Doch auch für sie gilt: Das Leben macht auf die Dauer keine Geschenke. Erfolg und Zufriedenheit muss man sich damals wie heute erarbeiten.
Allen Absolventen des KWG wünsche ich, dass sie einmal genau so gerne wie ich auf Schulzeit und Berufsweg zurück sehen.
Zur Person des Autors :
Meine Berufsausbildung nach dem Abitur habe ich mit einer landwirtschaftlichen Lehre begonnen, um dann BWL in Deutschland, England und USA zu studieren. 1965 wurde ich in Köln promoviert. Fast gleichzeitig habe ich bei einer deutschen Firma, die weltweit Industrieanlagen baute, eine Aufgabe als Assistent der Geschäftsleitung gefunden. Auf Grund von Firmenzusammenführungen und Übernahmen konnte ich seit 1965 in der selben Gruppe bleiben. Bei meiner Pensionierung 2002 war ich Vorstandsvorsitzender der MAN Ferrostaal AG in Essen.
In meinem Beruf habe ich die ganze Welt bereisen können. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme insbesondere der Schwellenländer, in denen wir Anlagen bauten, haben mich immer wieder beschäftigt und interessiert. Ich hatte die Gelegenheit in meinem Umfeld etwas zu bewegen und viele interessante Menschen kennen zu lernen. So habe ich in Russland mit Gorbatschow Wodka getrunken und mit islamischen Würdenträgern in der Düsseldorfer Altstadt Schweinshaxen gegessen*). Meinen Weg, den ich teils durch Zufall teils durch Arbeit gefunden habe, würde ich in einem zweiten Leben gerne wieder gehen.
*) Meine Erfahrungen aus dieser Zeit sind in der Schriftenreihe der RWTH Aachen „Internationale Kooperation“ im Nomos-Verlag veröffentlicht. (K. v. Menges: „Erinnerungen eines reisenden Kaufmanns“.)

Dr. Klaus von Menges

(aus dem "Omnibus 2008", S. 18ff)